Blog

Wann haben Sie das letzte Mal etwas „um seiner selbst willen“ getan?

Lebensfreude, Wohlbefinden, Glück wünschen wir uns alle. Doch wann genau tun wir etwas dafür? Lesen Sie, wie Sie dies selbst in die Hand nehmen indem Sie meditativ arbeiten:

Ich buche für meine Sommerferien einen Kurs zur freien Gestaltung mit Ton und entscheide mich gleich für eine ganze Woche in einem künstlerischen Umfeld. Ich finde mich dabei richtig mutig, weil ich absolut kein Talent im freien Gestalten mit den Händen habe und null Erfahrung im Umgang mit diesem Material.

Meine Absicht war, etwas ganz anderes als im Alltag zu tun.

Ich arbeite stets mit dem Kopf. Ich denke gern und viel und mag meine Arbeit als Psychologin. Doch ich weiß auch, dass wir geistig „fest fahren“, je länger wir etwas immer gleich tun und denken.  Wenn wir uns Tag für Tag und Monat für Monat mit den gleichen Dingen, Menschen und Situationen befassen, macht uns das immer weniger flexibel.

Im Kurs angekommen überrascht mich die Situation, dass es nur wenig Anleitung gibt und außer mir alle Teilnehmer erfahrene Hobbykünstler sind. Am ersten Tag erhalten wir die Einweisung in eine Technik, die mich die ganze Woche begleiten wird, die „Röllchentechnik“. Aus einem Stück Ton wird mit beiden Händen eine runde Form verschiedener Länge oder Durchmesser durch wiederholtes Hin- und Herrollen geformt. Mehrere Röllchen kann man dann übereinander stapeln und verstreichen, sodass sie Halt bekommen. So entsteht die Grundlage, um reale Objekte oder Abstraktes zu bauen.

Das Rollen selbst ist absolut nicht kreativ, sondern ganz monoton. Doch ich bin begeistert. Das Rollen jeder Rolle dauert eine Weile. Das immer gleiche Hin-und-Her der Hände beruhigt meinen Geist. Es ist so ähnlich wie beim Mantra singen. Dabei werden die gleichen Texte und gleichen Melodien  immer wiederholt und können bis zu einem Trancezustand führen. Ich rolle Stunde um Stunde und vergesse Zeit und Raum. Anders als die anderen Teilnehmer habe ich kein Konzept, welches Kunstwerk am Ende der Woche auf dem Tisch stehen soll. Ich habe auch vorab nie eine Idee, was aus meinen Röllchen werden soll. Mal baue ich ein Haus, mal ein Herz, mal einen Kopf. Es geht mir vor allem um das Rollen.

Sie werden sich vielleicht fragen, ob es nicht Urlaubszeitverschwendung ist, sieben Tage  stundenlang Ton zu rollen. Einfach so. Das habe ich mich an den ersten Tagen auch gefragt. Irgendwann konnte ich diesen Gedanken erstaunlicherweise einfach loslassen.

Ohne Absicht und Ziel zu sein kenne ich aus meinem Alltag kaum.

Ich schreibe, um ein Buch zu veröffentlichen. Ein Vortrag muss zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem bestimmten Thema fertig sein. Man kann das sogar noch weiter fassen:

Wir machen Diäten für die Wunschfigur, treiben Sport, um fit zu sein. Wir qualifizieren uns, um Karriere zu machen, wir lernen Sprachen, um uns im Urlaub verständigen zu können.

Hier spreche ich über die Erwartungen und Erfahrungen beim Fasten:

flexibles-indivduelles-Fasten- mit Erfolg

Wir überlegen Mailingstrategien, um unser neues Produkt zu verkaufen, gestalten den schicken Messestand, um Kunden zu gewinnen und organisieren Firmenfeiern, um Mitarbeiter zu verwöhnen. Selbst vor persönlichen Themen macht das „um zu“ nicht Halt. Wir graben im Garten, um etwas anzupflanzen. Wir lesen Bücher über Kindererziehung, um geduldigere Eltern zu sein und besuchen Kommunikationstrainings, um mit Kunden, Kollegen oder Partnern besser umgehen zu können.

Kurzum: Wann tun wir etwas um des Tuns willen? Um der Freude am Tun willen? Ich habe viel Freude am Schreiben, Vorträge halten, Sport treiben. Doch diese Freude darf selten für sich allein stehen.

 

Es war eine beglückende Erfahrung, mich ohne Vorsatz, Vorgaben oder Erwartungen an den Tisch zu setzen, den Ton auszupacken und loszurollen. Das Glück des Tuns entstand von selbst als kostbarer Nebeneffekt des meditativen Handelns.

Ein weiteres Glück als Folge dieser Erfahrung war, die Situation so zu nehmen wie sie ist. Ich war geneigt, die Ergebnisse meiner Arbeit als kindisch und hässlich abzutun. Doch diese neue Qualität der Entspannung ermöglichte mir auch, mit dem Bewerten aufzuhören. Ich habe so viel gelacht wie lange nicht mehr. Ich konnte meine Unfähigkeit, mich mit meinen Händen kreativ auszudrücken, von Herzen annehmen. Ich sah dankbar, dass meine kreative Seite im Umgang mit dem Wort liegt und ich mit meiner Arbeit am richtigen Platz bin. Ich konnte in meinem glücklichen Zustand ohne jeden Neid  und mit großer Bewunderung die Arbeit der anderen betrachten.

Was passierte da mit mir? Ich habe mein Gehirn auf eine andere Weise benutzt. Aus der Meditationsforschung wissen wir, dass Meditieren Stress abbaut, uns gelassener macht und Abstand schafft zu den Problemen des Alltags. Die Voraussetzung dafür ist Konzentration. Beim Meditieren auf die Gedanken, in meinem Fall auf das Tun. Diese Konzentration auf den Augenblick förderte mein Wohlbefinden. Auch hierzu können wir die Forschung befragen. Sie sagt, etwa die Hälfte der Zeit sind wir gedanklich nicht bei dem, was wir tun,  das macht unzufrieden.

Wie Sie mit Stress besser umgehen können erfahren Sie hier:

https://www.ilonabuergel.de/mit-stress-besser-umgehen-lernen-und-das-stresslevel-selbst-bestimmen/

Das glückliche Leben braucht ein Gleichgewicht seiner Pole. Die Aktivität braucht die Pause, das Tun das Lassen, das Ziel die Ziellosigkeit, das Laut das Leise, das Schnell das Langsam, Außen sein die Innenschau. Und ich nach vielen Monaten geistiger Arbeit das Rollen. Von dem entstandenen Glück profitieren alle: Wir selbst, unser Tun und andere Menschen.